Pressemitteilung

Journalisten: Aktivierer statt Aktivisten mit Haltung

Leipzig, 2. Mai 2017 - Mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ haben im letzten Jahr auch Journalisten und Journalistinnen erwartet, dass die Briten für die EU und die Amerikaner gegen Donald Trump stimmen würden. Dass es anders gekommen ist, hat das Vertrauen sowohl in Meinungsumfragen als auch in den Journalismus erschüttert. Die Diskussion „Journalismus – Welterklärer zwischen Haltung und Handwerk“ bei den Medientagen Mitteldeutschland beginnt Moderator Michael Münz vom Bonner Gustav-Stresemann-Institut daher mit der Frage, ob Trump vorhersagbar war.

Der ehemalige USA-Korrespondent Gordon Repinski vom Spiegel sei sich sicher gewesen, dass Hilary Clinton die Präsidentenwahl gewinnen würde. Es sei für einen Journalisten extrem schwierig, das tatsächliche Stimmungsbild in einer Gesellschaft einzuschätzen, weil man einen Wahlkampf immer nur punktuell wahrnehme. Daher ist die Verlockung groß, sich auf Umfrageergebnisse zu verlassen.

Jana Hahn, Zweite Chefredakteurin des MDR, stimmt ihm zu. Sie habe den Eindruck, die Journalisten seien im Vorfeld der Wahl „zu wenig in der Fläche“ gewesen. Ihre Redaktion wolle deshalb im Wahljahr 2017 mehr Journalistinnen und Journalisten in die kleineren Städte schicken.

Der taz-Chefredakteur Georg Löwisch weist darauf hin, dass auch die Politik selbst „umfragensüchtig“ sei. Journalisten aber sollten sich vor der „Prophetenfalle“ hüten. Prophezeiungen, zumal wenn sie nicht einträten, schadeten dem Journalismus und sie erweckten den Eindruck, dass etwas herbei geschrieben werden soll.

Jana Hahn beklagt, dass die strikte Trennung von Fakten und Meinung, die ein fester Teil der klassischen Journalistenausbildung ist, heute zur Disposition gestellt werde. Die einzige Haltung, die sie offensiv vertrete, seien die klassischen journalistischen Tugenden: Ausgewogenheit und Gründlichkeit.

Georg Löwisch hält ihr entgegen, dass Neutralität illusorisch sei. Schon die Auswahl der Nachrichten sei subjektiv. Journalisten können das nicht ignorieren. Sie seien sicher keine Verfassungsschützer, die bestimmte politische Strömungen bekämpfen sollen. Sie dürften aber durchaus Flagge zeigen.

Gordon Repinski hält den Journalismus für einen wichtigen Teil der Demokratie, der für jene Ausgewogenheit sorgen kann, die in den sozialen Netzwerken nicht möglich zu sein scheint. Angesichts von Blaseneffekten und Falsch-Nachrichten, die sich selbst reproduzieren, möchte er statt Aktivist mit Haltung gerne ein Aktivierer sein, der Menschen mit ausgewogenen Ansichten ermuntert, sich an Debatten zu beteiligen.