Pressemitteilung

Unverständnis und Polarisierung

Leipzig, 11. Mai 2016 – In Zusammenarbeit mit  den Deutsch-Polnischen Medientagen wurde am heutigen Mittwoch auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland ein fachkundiger Blick in unser Nachbarland im Osten geworfen. Unter dem Titel „Polen: Verstehen wir unseren Nachbarn?“ diskutierten Anna Ferens (TVP), Cornelius Ochmann (Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit), Dr. Manfred Sapper (Zeitschrift OSTEUROPA), Bartosz Wielinski (Gazeta Wyborcza) unter der Leitung von Rosalia Romaniec (Deutsche Welle). Die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Izabela Surynt von der Universität Wrozlaw hielt ein Impulsreferat und beteiligte sich ebenfalls an der Diskussion.

Zum Einstieg zeigte Izabela Surynt die unterschiedlichen Konventionen auf, die gerade im Bezug auf Kommunikation in Deutschland und Polen gelten - und wie diese zu Missverständnissen führen können, die sich dann zu Vorurteilen verfestigen. Surynt sagte, dass die Stereotype, die viele für längst überwunden hielten, lebendig und widerstandsfähig seien, und immer noch die Berichterstattung über den jeweiligen Nachbarn beeinflussen würden. Zudem hätten die Deutschen weniger Interesse an Polen als anders herum. Der Blick der Deutschen auf Polen sei dabei, so Surynt, dem Blick der Polen auf die Ukraine gar nicht unähnlich.

Die Diskussion selbst konzentrierte sich auf die aktuellen politischen Entwicklungen in Polen, und wie sich diese auf die Medien auswirken. Der Dokumentarfilmerin Anna Ferens von TVP fiel dabei die undankbare Rolle zu, die Veränderungen der Regierung bis zu einem gewissen Grad zu verteidigen: So sagte Ferens, dass etwa die Entlassungen, die in den Medienhäusern zu beobachten seien, nichts Neues seien. Nach jedem Regierungswechsel hätte es immer auch Personalwechsel in den Medien gegeben. Darüber hinaus seien in der polnischen Medienlandschaft nach wie vor alle Meinungen vertreten und auch auf den Demonstrationen könne jeder die Regierung kritisieren.

Cornelius Ochmann war der Überzeugung, dass es derzeit nicht um die Frage der Fehlwahrnehmung zwischen Ländern gehe, sondern um ein innerpolnisches Problem. „Der Graben in Polen selbst wird immer Größer“. Auch Bartosz Wielinski beklagte die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, und sprach sogar von einem „Krieg“, den die Politik angezettelt habe – „und wir kämpfen mit“. Zwar gebe es immer noch Menschen, mit denen man über die Lagergrenzen hinweg respektvoll diskutieren könne, aber die hätten in der Medienlandschaft meist wenig Einfluss. Er beklagte am Beispiel einer staatlichen Nachrichtensendung, dass gezielt Falschmeldungen verbreitet würden, etwa über die Teilnehmerzahl von regierungskritischen Demonstrationen.

Manfred Sapper stellte die Entwicklungen in einen gesamteuropäischen Kontext. „Wir haben eine autoritäre Versuchung in Europa“, sagte er und nannte als Beispiele den Front National in Frankreich, AfD und Pegida hierzulande und Ungarn unter Vikor Orbán - insofern seien die Entwicklungen sehr wohl etwas Neues, nämlich eine Abkehr vom europäischen Verfassungsgedanken. „Die analytische Aufgabe ist, den komparativen Trend genau zu erfassen und die nationalen Spezifika zu benennen“, sagte der Sapper an die Journalisten gerichtet. Dazu käme dass man 25 Jahre lang die Schattenseiten der Transformation schlicht ignoriert habe. „Das müssen wir bitter, bitter nacharbeiten“, so Sapper.

Man müsse sich von der Idee der objektiven Berichterstattung verabschieden, sagte Surynt, und stattdessen eine Pluralisierung der Standpunkte anstreben. In diesem Zusammenhang warnte sie auch vor dem Begriff der „nationalen Medien“. „Das ist nicht nur ein Begriff, sondern ein Konzept“, so Surynt - und zwar eines, das ethnische Minderheiten von vorneherein ausschließe.  

Gegen Ende der Veranstaltung wies Ochmann darauf hin, dass sich auch die Wahrnehmung der deutschen Medien in Polen verändert habe. So sei ein großer Teil der Polen überzeugt, in Deutschland seien die Medien durch die Regierung gelenkt, also eine „Lügenpresse“.