Pressemitteilung

Wie Deutschland wahrgenommen wird

Leipzig, 10. Mai 2016 – Die internationale Presse zeigte sich beeindruckt vom Kurs der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingskrise im Sommer 2015, gleichzeitig leidet das Image Deutschlands unter der Zunahme fremdenfeindlicher Übergriffe. Wie werden die gravierenden Veränderungen wahrgenommen und was hat in der internationalen Berichterstattung Priorität? Diesen Fragen stellten sich, moderiert von taz-Chefredakteur Georg Löwisch, die freie Journalistin und Deutschlandkorrespondentin für Ungarn, Marta Orosz, Marcin Antosiewicz, der für den polnischen Sender TVP in Berlin tätig ist sowie Troels Heeger, Berlinkorrespondent der dänischen Tageszeitung Berlingske beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland.

Welche Deutungshoheit diesen dreien zukommt, machte Löwischs Eingangsfrage nach der Gesamtzahl von Korrespondenten in Deutschland bzw. Berlin deutlich: Rund zehn berichten für Polen aus Berlin, für Ungarn seien es nur drei. Für Dänemark berichten zwischen sechs und acht aus ganz Deutschland.

Alle drei bestätigten, dass sich das Deutschland-Bild in den ausländischen Medien seit dem September 2015 verändert habe. In Ungarn wurden die Flüchtlinge zum zentralen Thema, wobei die Medien weitgehend von einem baldigen Ende der Kanzlerschaft Merkels ausgegangen seien. In Dänemark habe das Interesse an Merkels Politik bereits in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Die dänische Politik, die sich seit 2001 mehr oder weniger ausschließlich um Einwanderungspolitik drehe, sei der Flüchtlingspolitik von Merkel mit großer Skepsis begegnet, während man Deutschland in Wirtschafts- und Finanzthemen viel zutraue, so Troels Heeger. Der Führungsstil von Merkel sei zudem lange gewesen, alles so erscheinen zu lassen, so als ob sie keine Entscheidungen trifft. Das hätte sich spätestens mit der Flüchtlingskrise geändert.

In Polen habe die Kanzlerin bis zu ihrer Entscheidung im September 2015, Flüchtlinge nicht abzuweisen, als eine sympathische, gute Politikerin in Europa gegolten. „Jetzt sieht sie die Mehrheit sie als eine Politikerin, die eine ganz falsche Entscheidung getroffen hat, um es diplomatisch zu sagen“, so Marcin Antosiewicz. Besonders dass sie die Nachbarstaaten bei dieser Entscheidung nicht einbezogen haben, und das, wo zeitgleich über eine Umverteilung von Flüchtlingen in Europa gesprochen wurde, sei zum Teil als Konfrontation verstanden wurden. Merkel sei zwar europafreundlich, jedoch entstehe der Eindruck, dass ihre Europapolitik sei, die Macht aus Brüssel in die nationale Hauptstadt zu ziehen.

In Hinblick auf die AfD appellierte Marcin Antosiewicz: „Wir wissen noch nicht genau, was die AfD ist und wir als Journalisten müssen erst einmal schauen und fragen: Was wollt ihr?“ Eine rechtsextreme Partei zu ignorieren sei der falsche Weg, dies führe nur zu mehr Aufmerksamkeit und Zustimmung in der Bevölkerung. Deutschland begegne Parteineugründungen zudem stets skeptisch, dies sei auch im Falle der Piraten so gewesen.

Troels Heeger bestätigte eine gewisse moralische Hysterie um die AfD. Mit moralischen Urteilen komme man seiner Ansicht nach nicht weit, es ginge vielmehr um eine politische Herausforderung. Marta Orosz erläuterte, dass die ungarische Berichterstattung den Wahlerfolg der AfD aufgrund einiger Schnittstellen zu Viktor Orbán als Zustimmung, als Legitimation für dessen Politik interpretiere.